So bekommen Sie den Kopf frei

Gedanken kommen und gehen. Nicht selten gleichzeitig in kaum noch überblickbarer, verwirrender Vielfalt. Hier kann die „Gedankenwohnung“ helfen – ein gedachtes Ordnungsmodell, in dem alle Gedanken ihren Platz finden, bis sie an die Reihe kommen.

Ungefähr so läuft es –– Montag, 10.30 Uhr: Sitzung in der Firmenzentrale. Dienstag ganztags in einer anderen Stadt, auf dem Weg dorthin die Präsentationsvorbereitung. Mit Planungsmethoden und -mitteln kann man sich seine Tage einteilen. Schön und gut. Nicht planbar ist jedoch, welcher Gedanke uns wann ungefragt mitten in eine Projektvorbereitung, ein Telefonat oder einen Gedankengang hineinplatzt.

Wie wir über die Welt oder über Projekt Y denken, ist in einem Moment höchster Konzentration auf das Projekt X nicht nur nicht wichtig, sondern sogar hinderlich. Früher war man der Ansicht, die gleichzeitige Abwicklung mehrerer Aufgaben wäre ein ökonomischer Weg zur Effizienzverbesserung. Die moderne Hirnforschung hat darauf eindeutig geantwortet:

Multitasking ist etwas für Maschinen, nichts für Menschen

Gedankengleichzeitigkeit führt zu Überforderung. Richten wir unsere Aufmerksamkeit gleichzeitig auf verschiedene Ziele, die in verschiedenen Richtungen liegen oder einander gar widersprechen, führt dies zu Überlastung und Stillstand. Die öffentliche Erschöpfungs-Diskussion (Burnout) wirkt nicht zuletzt auch wie ein Plädoyer für mehr innere Sortiertheit, für gesunde Distanz zur Überlastung. Ernst genommen werden müssen die Phänomene rund um das Ausgebranntsein in jedem Fall.

Wie können wir innere, gedankliche Sortiertheit erreichen? Mit purer Willensanstrengung ist es nicht möglich. Stellen Sie sich nur mal den Versuch vor, einen Gedanken nicht zu denken. Meditationstechniken wären zwar auch ein Weg, doch ist nicht in jeder Situation Gelegenheit zum Meditieren – beispielsweise in einer Vorstandspräsentation.

Ordnung für die Gedankenvielfalt

Wie also kann Ordnung in meine Gedankenwelt kommen? Diese Frage stellte ich mir als Berater nicht freiwillig. Sie wurde mir gestellt. Mitten in einer Nacht lag ich wach – auf Trab gehalten von Gedanken, die erinnernd, mahnend, fordernd und planend vieles gleichzeitig von mir verlangten. Alle wollten sofort beachtet und bearbeitet werden. Eigentlich nicht ungewöhnlich, dann und wann einige Zeit wach im Bett zu liegen, doch ich nutze gerne jede Gelegenheit, eine Intervention zu entwickeln. Was wäre, so fragte ich mich damals, wenn ich allen Gedanken in einer erdachten Gedankenwohnung jenen Raum geben könnte, den sie benötigen, um bis zum nächsten Tag oder auch einige Tage lang in Ruhe zu warten?

Dies war der Schlüssel zu einem Konzept, das ich in der folgenden Zeit ausarbeitete, in meinem Alltag erprobte und später auch meinen Klienten anzubieten begann. Mit überzeugendem Erfolg. Das Konzept versteht man am einfachsten, indem man sich ein Bild von dem macht, was sich im übertragenen Sinn vor unserem inneren Auge entwickeln kann, wenn zu viele Gedanken auf einmal nach Vorfahrt streben: Stellen Sie sich doch mal vor, dass sich die Bewohner eines Mehrfamilienhauses in einem einzigen Zimmer versammeln und wild gestikulierend in verschiedenen Sprachen durcheinander reden – jeder mit einem anderen Wunsch.

Der eine möchte die Hausgemeinschaft dafür gewinnen, nachts immer die Türe abzuschließen, zwei würden über die Wahl eines neuen Grünanlagenpflegedienstleisters streiten, ein anderer würde die mangelhafte Mülltrennung der Nachbarn anprangern, einem wären die Kinder auf dem Vorplatz zu laut, ein weiterer forderte neue Klettergerüste beim Sandkasten, wieder einer wäre vehement dafür, endlich die alten Fenster austauschen zu lassen, wogegen drei andere aus Kostengründen Einwände vorbringen … Für jedes dieser Anliegen ist eine andere innere Seite verantwortlich.

In einem solchen Chaos fände keiner der Anwesenden Gehör. Bei dieser bildhaften Vorstellung einer Situation, in der viele Personen mit verschiedenen Anliegen durcheinander reden, gibt es keine Zweifel: Menschenansammlungen, zumal aufgeregte, sind keine Umgebung für einen zielführenden Dialog.

Zur Ruhe bringen und in gegenseitigem Wohlwollen auflösen könnte man eine derart stürmische Hausbewohnerversammlung mit dem Angebot, die vielen Themen in einzelnen Räumen und zu unterschiedlichen Zeiten zu behandeln. Genau dies ist das Prinzip der Gedankenwohnung. Eine solche einzurichten, in deren Zimmer man nach und nach alle Gedanken einladen kann, dauert nicht lange. Der erste Schritt ist bereits getan, wenn Sie die Existenz einer gedachten Gedankenwohnung grundsätzlich für möglich halten. Alles weitere können Sie nach und nach dazubauen beziehungsweise assoziieren.

Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich wirken, sich in seinem Kopf eine Wohnung einzurichten. Ist man aber erst einmal dabei, hilft einem die Neuroplastizität. Mit diesem Begriff wird die Wandlungsfähigkeit des Gehirns bezeichnet, die unabhängig vom Alter gegeben ist. Will heißen: Durch das Ändern und Ergänzen von Denkprozessen ändern sich Verbindungen im Gehirn. Durch das Denken entstehen von alleine neue Gedankenverbindungen, bestehende lassen sich erweitern und dadurch in ihrer Wirkung verändern. Gedanken können typisiert und bestimmten, sinnvollen Bereichen in der Vorstellung zugeordnet werden. Dort, wo gerade noch maximale Gleichzeitigkeit herrschte, kann auf diese Weise Ruhe einkehren. Wenn jedem Gedanken ein sicherer Platz in der eigenen Gedankenwelt gegeben wird, werden sich die Gedanken nicht mehr beziehungsweise nicht mehr so häufig aufdrängen.

Hilfreiche Übersicht in den Gedanken – kleine Hausordnung im Kopf

Eine gedachte Wohnung im Kopf vereint Gegensätze. Und bei steigender Vielfalt in den Gedanken nimmt gleichzeitig die Übersicht zu: Flur, Aufmerksamkeitszentrum, Warteraum, Werkraum, Rumpelkammer, Wertstoffraum, Galerie, Provokationsraum, Überraschungsraum, Rückzugsraum – alles ist möglich, was auch immer Sie sich als für sich hilfreich vorstellen.

In gewisser Weise ist das Konzept „Gedankenwohnung” tatsächlich eine Art Meditation, die ohne jeden Aufwand auch im Umfeld von Vorstandssitzungen oder Präsentationen genutzt werden kann. Und wer mit dem Format der Gedankenwohnung in einem Brainstorming arbeitet, kann schnell zu überraschenden Einfällen kommen. Schließlich braucht man sich nur zum Beispiel in den gedachten inneren Wertstoff- und Werkraum zu begeben, wo jene Gedanken untergebracht sind, die noch nicht zu Ende gedacht wurden und auf Weiterbearbeitung warten.

Wie und wo fängt man an?

Genug der Theorie. Wie könnten Sie Ihre Gedankenwohnung erhalten? Im Buch findet sich als Anregung ein ausführlicher Rundgang durch eine Gedankenwohnung. Auch ohne Buch ist zumindest das Prinzip schnell erklärt. Stellen Sie sich vor, Sie würden die Umgestaltung Ihres Gartens planen und über den neuen Garten nachdenken. Gedanklich könnten Sie durch den neuen Garten gehen, Wege abschreiten, vielleicht in einer geplanten Sitzecke Platz nehmen. Unterstützend könnte eine Skizze zur Anordnung von Pflanzen und Wegen wirken. Der neue Garten nimmt Gestalt an, obwohl draußen noch nichts passiert ist.

Mit der Gedankenwohnung verhält es sich genauso. Wenn Sie sich ausmalen, wie nützlich eine solche Raumeinteilung wäre und wie sie aussehen könnte, „passiert“ es von allein. Zweifel? Sehr gut. Laden Sie Ihre Zweifel in ein gedachtes Zimmer ein, auf dessen Türe „Überprüfen” steht. Dann könnten vor dem inneren Auge nach und nach auftauchen: ein Zimmer, in dem sich Ideen versammeln (parallel z.B. ein Ideenbuch anlegen). Ein Raum, in dem Erfolge gefeiert werden. Eine Galerie für Erinnerungen. Ein Balkon für Rundumsicht und Überblick in jeder Lebenslage, auch in Verhandlungen. Vom Balkon können Sie in eine Verhandlungssituation jederzeit blitzschnell Bilder aufrufen, z.B. von gelungenen Verhandlungen: im Vergleich zu rotierenden Gedanken eine ungleich bessere Basis für den guten Ausgang der Verhandlung. Nutzbar ist diese Form von Gedankenordnung natürlich auch privat – überall, wo Sie in und mit Gedanken unterwegs sind.