Was Sie aus dem Buch ziehen können
Gedankenwohnung ist ein kleines Buch über den Umgang mit dem, was gleichzeitig im Kopf steht. Es läßt sich an einem Abend lesen und am nächsten wieder von vorn. Der Rundgang darin bleibt im Buch. Hier steht, wozu er taugt.
Was habe ich davon, wenn der Kopf schon voll ist?
Sie bekommen eine Möglichkeit, einen Gedanken an einen Platz zu bringen und sich der Sache zuzuwenden, die gerade dran ist. Die anderen bleiben erreichbar. Sie müssen nur nicht alle mit am Tisch sitzen, während Sie die Rechnung schreiben oder das Gespräch zu Ende führen.
Im Buch geht es um die Lage, in der sich Erledigungen, alte Vorwürfe, künftige Aufgaben und längst vergangene Gelegenheiten gleichzeitig melden. Keiner wartet. Sobald einer zur Seite geschoben wird, schiebt sich der nächste nach. Für diese Lage braucht es einen Ort, an den sich ein Gedanke verabschieden läßt, so wie man sich abends vom Spielplatz verabschiedet, im Wissen, daß die anderen morgen wieder da sind.
Danach läßt sich wieder etwas zu Ende bringen. Ein Satz. Eine Entscheidung. Eine halbe Stunde, in der nicht siebenunddreißig Anliegen zugleich die Hand heben.
Muß ich es von vorn bis hinten lesen?
Sie können an jeder Stelle einsteigen. Das Buch sagt das selbst, und es hält sich daran: die Reihenfolge ergibt sich aus dem, was Sie gerade beschäftigt.
Manche lesen den Anfang und legen es weg, weil ihnen beim Lesen schon ein Bild gekommen ist. Manche schlagen später irgendwo auf und bleiben an einem Satz hängen, der am Vortag noch nichts mit ihnen zu tun hatte. Beides paßt. Ein kleines Buch hat den Vorteil, daß der nächste Durchgang nicht nach einer Woche kommt, sondern nach dem Abendbrot.
Ist das ein Ratgeber mit Übungen?
Sie finden darin ein Modell und einen Rundgang. Auf einigen Seiten ist Platz gelassen, damit Sie eigene Skizzen und Sätze danebenschreiben können. Eine Übung im Sinne von Aufgabe eins bis Aufgabe vier steht dort nicht.
Der Text redet die Gedanken nicht zurecht. Er zeigt, wie es sich anfühlt, wenn sie einen Raum bekommen und Sie den Flur wieder benutzen können. Ob Sie das bei sich ausprobieren, merken Sie beim Lesen. Der eine Rat, der im Buch vorkommt, betrifft das Weiterlesen. Wer alles lassen möchte, wie es ist, kann das Buch zuklappen. Wer weiterliest, sieht beim eigenen Kopf zu.
Wie schnell wirkt so etwas?
Bei manchen taucht die Wohnung auf, während noch davon die Rede ist. In Sitzungen ist das vorgekommen: jemand fragt, ob dieser oder jener Raum schon eingerichtet werden dürfe, bevor der Rundgang zu Ende erzählt ist.
Bei anderen dauert es ein paar Seiten, ein paar Tage, ein zweites Lesen. Das Modell ist in der Krisenintervention mehrfach gebraucht worden, als Handlauf für das innere Treppauf und Treppab. Ein Handlauf trägt in dem Moment, in dem Sie ihn anfassen. Er räumt das Treppenhaus nicht aus.
Was, wenn ich keine Bilder im Kopf sehe?
Dann arbeiten Sie mit dem, was sich bei Ihnen einstellt. Ein Wort für das, was warten kann. Ein Zettel. Die schlichte Sicherheit, daß ein Gedanke wieder aufzufinden ist, wenn seine Zeit kommt.
Das Buch zeichnet die Wohnung absichtlich nicht aus. Eine fremde Zeichnung würde Sie an etwas binden, das nicht von Ihnen stammt. Manche sehen Flure, manche eine Farbe, manche gar nichts und merken nur, daß ein bestimmter Gedanke leiser wird, sobald er einen Namen und einen Platz hat. Das genügt für den Alltag.
Ersetzt das eine Therapie?
Das Buch kann auf dem Tisch liegen, auf dem schon eine Therapie liegt. Es kann auch für sich liegen. Es sitzt Ihnen nicht gegenüber und hört nicht zu, wenn etwas größer ist als ein voller Kopf.
Was es zwischen den Stunden tun kann: Ihnen einen Ort geben, an den die Gedanken gehen, die in der Stunde aufgetaucht sind und danach im Bus weiterreden. Pragmatismus für den Weg nach Hause. Wenn der Leidensdruck das Lesen übersteigt, bleibt der Weg zu einem Menschen, der mit im Raum sitzt.
Was bleibt, wenn ich es zugeklappt habe?
Sie können einen Gedanken ziehen lassen und ihn wieder erreichen. Das ist das, was nach dem Zuklappen noch da ist, auch wenn Sie die Seiten längst nicht mehr im Kopf haben.
Mitten im Gespräch, mitten in einer Aufgabe, nachts um drei. Sie wissen dann, daß das, was sich gerade vordrängt, irgendwo unterkommt, und daß Sie es nicht in diesem Augenblick zu Ende denken müssen. Am nächsten Tag ist es noch da. Manchmal hat es sich unterdessen sogar ein wenig sortiert. Manchmal auch nicht. Daraus müssen Sie sich nichts machen. Lange Gewohnheiten gehen spazieren und kommen wieder. Der Platz, an den Sie sie schicken können, bleibt.
Für wen ist das Buch nicht gedacht?
Für Leser, die eine Bedienungsanleitung wollen, mit der sich ein Kopf auf eine bestimmte Weise einstellen läßt. Die steht bei der Kaffeemaschine, und auch dort nur für die Maschine.
Es richtet sich an Leute, die mit ihren Gedanken auskommen möchten, auch mit denen, die sie bisher loswerden wollten. Unterbringen kommt darin vor. Ein Verfahren zum Streichen suchen Sie dort vergeblich.
Was ist der Unterschied zum Vorsatz, weniger zu grübeln?
Der Vorsatz sitzt oft selbst mit in der Runde und will auch etwas. Das Buch gibt dem Grübeln einen Ort, an dem es bleiben darf, während Sie etwas anderes tun.
Sie müssen das Karussell dafür nicht verstanden haben. Sie bringen den Gedanken, der gerade am lautesten ist, dorthin, wo er bis zu seiner Zeit gut aufgehoben ist, und gehen zurück zu der Sache, die Sie vor hatten. Am Abend können Sie nachsehen. Oder morgen. Oder wenn es wieder paßt. Die Wohnung, die dabei entsteht, ist Ihre. Die Seiten liefern die Einladung zum Dachausbau und halten sich danach heraus.

