(K)eine Leseanleitung

Vermutlich sind Sie nicht auf der Suche nach etwas, das Sie schon kennen. Solche Texte stehen in Reiseberichten über Städte, in denen Sie schon waren, und in der Bedienungsanleitung Ihrer Kaffeemaschine. Hier geht es um ein Gedankenspiel, das sich beim Lesen verzweigt. Ausflüge zu bekannten Sachen, Ausflüge zu weniger bekannten. Die Reihenfolge ergibt sich aus Ihrem Interesse, wie auch in der Wohnung, um die es geht.

Muß ich vorn anfangen?

Sie können aufschlagen, wo das Buch gerade offen in der Hand liegt. Seite zwölf, Seite dreißig, der Satz, an dem das Auge hängenbleibt. Wer vorn anfängt, liest die Entstehung. Wer mittendrin anfängt, ist schon im Rundgang. Beides führt an denselben Tisch.

Wenn Ihnen beim Blättern schon Umrisse kommen, ein Flur, eine Farbe, irgendein Raum, dann können Sie dort bleiben und später nachlesen, was auf den Seiten davorgestanden hätte. Es geschieht von allein. Sie müssen die vorherigen Seiten dafür nicht nachholen, ehe Sie weiterdürfen.

Darf ich Stellen überspringen?

Jederzeit. Dazwischenlesen, nachlesen, überschlagen. Ein Absatz, der heute nichts mit Ihnen zu tun hat, kann morgen der sein, an dem Sie hängenbleiben. Das Buch liegt dann noch da.

Manche Seiten sind ein Gang durch einen Raum. Wenn Sie in diesem Raum gerade nicht sein mögen, gehen Sie weiter, wie Sie im Flur an einer Tür vorbeigehen. Die Tür bleibt. Sie auch.

Soll ich glauben, was da steht?

Glauben Sie lieber das, was sich bei Ihnen verändert, während Sie lesen. Ein Satz kann stimmen und bei Ihnen nichts tun. Ein anderer kann schief klingen und trotzdem einen Gedanken an einen Platz bringen, an dem er bis morgen gut aufgehoben ist.

Beobachten Sie das. Ob ein bestimmter Gedanke leiser wird, sobald er einen Namen hat. Ob Sie mitten im Absatz merken, daß Sie schon woanders sind, in Ihrem eigenen Bild, und die Zeile unter dem Finger vergessen haben. Das ist kein Verlorengehen. Das ist das Spiel.

Was mache ich, wenn mir beim Lesen schon etwas einfällt?

Bleiben Sie dabei. Legen Sie das Buch auf den Bauch, auf den Tisch, neben die Tasse. Sehen Sie sich an, was aufgetaucht ist. Ein Raum, ein Satz, ein Gedanke, der endlich einen Ort will. Danach können Sie weiterlesen, an derselben Stelle oder drei Seiten später.

Auf einigen Seiten ist Platz gelassen. Dort können Sie skizzieren, einen Satz danebenschreiben, ein Bild einkleben. Wie Sie Ihr Exemplar erweitern, bleibt Ihre Sache. Es ist Ihre Privatumgebung.

Wie oft soll ich es lesen?

Einmal durch, und wenn es sich so ergibt, noch einmal, an einem anderen Tag, bei anderem Wetter im Kopf. Kleine Bücher haben diesen Vorteil: man ist schnell durch und kann von vorn beginnen, so wie auf einen Tag eine Nacht folgt und auf die Nacht der nächste Tag.

Beim zweiten Mal stehen oft andere Sätze im Licht. Die Seiten sind dieselben. Sie bringen seit dem ersten Lesen andere Gedanken mit, weil ein paar davon schon einen Platz haben.

Was, wenn ich mitten im Satz woanders hin will?

Dann gehen Sie. In den Gedanken, der sich gemeldet hat. In die Küche. Auf den Balkon, den inneren oder den vor dem Haus. Das Buch läuft nicht weg, und es zieht keine Wartenummer, die verfällt.

Wenn Sie zurückkommen, liegen die Seiten noch so da, wie Sie sie gelassen haben. Manchmal hat sich unterdessen in Ihrem Kopf etwas eingerichtet, ohne daß Sie dafür einen Absatz zu Ende gelesen hätten. Damit läßt sich leben. Ab hier hält sich die Anleitung heraus.

Beitrag teilen

Alles zu diesem Thema hier auf gedankenwohnung.de