Gedankenkarussell stoppen, Rumination beenden

Sind Sie schon einmal auf einem Karussell gesessen, das nicht anhalten wollte?

Nicht auf dem Jahrmarkt. Im Kopf.

Die Pferde heißen dort nicht Schimmel und Rappe. Sie heißen: die alte Rechnung, der Satz von gestern Abend, die Sache, die erst in einem Monat konkret wird, der Vorwurf, die Gefahr, die noch gar keine ist, und der Gedanke an den Gedanken, der eben schon einmal da war. Sie halten sich paarweise an den Händen. Sie gehen vor und zurück. Sie drehen sich. Und Sie sitzen in der Mitte und werden mitgedreht.

Man kann dazu auch Streß sagen. Man kann dazu auch Grübeln sagen. Ich nenne es Gedankenkarussell, weil es sich so anfühlt: eine Musik, die niemand bestellt hat, und eine Runde, die von allein nicht aufhört.

Es herrscht absolute Gleichzeitigkeit. Ohne Rhythmus, ohne Harmonie, ohne Takt. Jedes Pferd will etwas anderes von Ihnen, und keines ist bereit, einen Moment zu warten. Sobald Sie versuchen, die Runde anzuhalten, nimmt sie Fahrt auf. Mit jedem Versuch, einen Gedanken hinunterzubefördern, schwingt sich der nächste auf.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein Karussell ohne Ausstieg.

Wer die Pferde festhält, dreht sich mit

Wer sich gegen Gedanken stellt wie gegen einen starken Wind, wird umgeworfen. Wer die Stangen des Karussells umklammert, in der Hoffnung, es dadurch zum Stehen zu bringen, merkt etwas anderes: die Drehung wird fester. Je mehr Sie einen unerwünschten Gedanken hinauswerfen wollen, desto sicherer setzt er sich. Das gilt auf dem Fußballplatz der Aufmerksamkeit, und es gilt hier.

Gedanken lassen sich nichts befehlen. Sie ziehen sich keine Wartenummer. Sie lassen sich nicht einsperren, verjagen oder zu etwas verurteilen. Sie reagieren auf eine vernünftige Ansprache. Was man verstehen kann.

Freiheit ist auch hier die bessere Umgangsform. Nicht die Freiheit, nichts mehr zu denken. Die Freiheit, auszusteigen, ohne die Pferde erschießen zu müssen.

Anhalten durch Ablegen

In meiner Gedankenwohnung gilt eine einfache Regel, und sie gilt auch für das Karussell: Gedanken kann ich nicht vertreiben. Etwas anderes ist jedoch gut möglich. Gedanken kann ich Räume geben, damit sie es sich so einrichten, daß ich den Kopf frei bekomme für jene Angelegenheit, der ich mich widmen möchte. Genau in diesem Moment.

Das Karussell stoppt nicht, weil jemand die Musik abstellt. Es stoppt, weil die Fahrgäste aussteigen und einen Platz bekommen. Ablegen heißt nicht wegwerfen. Ablegen heißt: ich weiß, wo der Gedanke ist, wenn er gerade nicht im unmittelbaren Bewußtsein sein muß. Wer weiß, daß die Freunde vom Spielplatz wiederkommen, kann sich abends von ihnen verabschieden. So ist es auch mit den Gedanken.

Sie brauchen dafür keine Hände. Der Gedanke vom Tragen stimmt trotzdem. In Gedanken bringen Sie den Gedanken an einen Platz, an dem er bis zu seiner Zeit gut aufgehoben ist. Schon die Vorstellung, daß es solche Plätze gibt, ist der erste Schritt. Der zweite ist das Ablegen selbst. Es dauert oft nicht länger als der Weg über den Flur.

Wohin mit den Fahrgästen?

Nicht jeder Gedanke gehört in denselben Raum. Das Karussell wirbelt sie nur durcheinander, damit es so aussieht.

Den Gedanken an den Sommerurlaub, der richtig ist und gerade nicht an der Reihe, bringe ich in den Warteraum. Dort ist es trocken und übersichtlich. Gelegentlich bilde ich mir ein, die wartenden Gedanken tauschten sich dort untereinander aus und kämen auch ohne mich weiter. Aber das kann auch täuschen.

Was noch nicht zu Ende gedacht ist, kommt in den Werkraum. Berufliche Projekte, das andere Buch, die morgige und die übermorgige Zukunft. Dort wird keiner alleingelassen. Rund um die Uhr ist jemand für sie da. Die treue Begleiterin in diesem Raum ist die Intuition. Ich bringe ihr die unfertigen Gedanken, wie Eltern ihre Kinder in die Betreuung bringen, und kann derweil etwas anderes tun.

Die Stechmücken, die absurden und die beängstigenden, die scheinbar aus dem Nichts kommen und einen stechen, lade ich in die Rumpelkammer. Früher kreisten sie im Aufmerksamkeitszentrum und ließen mich nicht. Seit sie bleiben dürfen, geben sie Ruhe. Einer hat mir noch eine Nase gedreht. Ich habe es dabei belassen. Wenn ich heute an der Tür vorbeigehe, hört es sich manchmal so an, als lachten sie übereinander. Aber das kann auch täuschen.

Was zeitlich vorüber ist und trotzdem mitfährt, als sei es noch nicht vorbei, kommt ins Museum oder in den Wertstoffraum. Vorbei ist vorbei, und so ist es gut. Löschen geht nicht. Ein Ehrenplatz schon. Einmal dort abgelegt, lassen diese Gedanken einen meistens in Ruhe.

Die heißen, die geladenen, die mit der brillant vorgetragenen Szene, die man jemandem machen müßte, damit der endlich zur Einsicht kommt, gehen zuerst auf den Balkon. Dort kühlen sie ab. Danach, wenn sie noch da sind, in den Provokationsraum. Dort lösen sich viele von allein auf, fast so, als kompostierten sie sich. Mit dem Ablegen ist die Szene nicht gehalten. Sie ist nur nicht mehr mitten im Flur.

Wenn das ganze Karussell dreht

Manchmal ist nicht ein Pferd das Problem, sondern die ganze Runde. Das Aufmerksamkeitszentrum ist voll, eine kleine Gedankenvollversammlung hat sich zusammengefunden, und jeder redet gleichzeitig.

Dann halte ich die Gesellschaft nicht auf. Ich lasse sie gewähren und gehe mit meiner Aufmerksamkeit auf den Balkon. Von jedem Raum aus, über den Flur, in Gedankenbruchteilen.

In meiner Gedankenwohnung gilt diese beruhigende Regel: Es kann nichts anbrennen, wenn ich für einen Augenblick auf den inneren Balkon gehe. Kaum komme ich zurück, brennt es nicht mehr. Das Karussell dreht derweil weiter, nur ohne mich in der Mitte. Von draußen sehe ich, welches Pferd eigentlich welches ist. Manches, das von vorne wie ein ehrenwerter Herr aussah, hat hinten ein Kind sitzen, das etwas ganz anderes will. Diesen Blick bekommt man nicht, solange man mitfährt.

Gedanken, die zu schnell sind oder zu heiß, verlangsamen sich draußen von allein, so daß ich ihnen folgen kann. Wenn sie sich abgekühlt haben, bitte ich sie wieder herein und an den Platz, der im Moment gut geeignet scheint. Nicht alle auf einmal. Einen nach dem anderen. Das Karussell verträgt keine Gleichzeitigkeit. Der Flur schon.

Was Sie nicht tun müssen

Sie müssen das Karussell nicht verstehen, bevor Sie aussteigen. Sie müssen nicht herausfinden, wer mit wem oder gegen wen spielt. Sie müssen einem Gedanken nicht das Dasein verbieten. Das wird nichts.

Sie müssen auch nicht aufräumen wie auf dem Amt. Es genügt, den einen Gedanken, der gerade am lautesten die Stange hält, anzufassen im Sinne von: ich sehe dich, und ich bringe dich jetzt hierhin. In den Warteraum. In den Werkraum. In die Rumpelkammer. Auf den Balkon. Wohin er gehört, merken Sie meistens im Moment des Ablegens. Die Wohnung richtet sich oft von allein ein. Sie brauchen nichts dafür zu tun, außer hinzugehen.

Wenn Sie merken, daß Sie schon wieder mitfahren, machen Sie sich nichts daraus. Langjährige Gewohnheiten ändert man nicht über Nacht. Das Karussell ist ein alter Mitspieler. Es kennt den Weg in die Mitte Ihres Aufmerksamkeitszentrums. Sie kennen inzwischen den Weg zum Ausstieg. Das ist der Unterschied.

Der unmarkierte Ausgang

Nehmen Sie an dieser Stelle keinen Rat an. Es ist auch hier keiner nötig. Wer weiterfahren möchte, kann sitzen bleiben. Die Musik ist bekannt, die Pferde auch, und manche Runde hat man schon so oft gedreht, daß sie sich wie Zuhause anfühlt.

Wer aussteigen möchte, steigt aus. Nicht später. Nicht, wenn das Karussell von sich aus hält, denn das tut es nicht. Jetzt, mit dem einen Gedanken, der gerade vorne sitzt. Bringen Sie ihn an seinen Platz. Gehen Sie zurück in den Raum, in dem Sie sein wollten. Sehen Sie, ob die Runde noch zieht.

Manchmal habe ich den Eindruck, das Karussell drehe sich noch eine Weile weiter, auch wenn niemand mehr darauf sitzt, aus reiner Gewohnheit, wie eine Spieluhr, die ausläuft. Aber das kann auch täuschen.

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